Woran erkennen Eltern Sicherheit und Tierwohl bei pferdegestützten Angeboten?
Ein qualitätsgesichertes pferdegestütztes Angebot schützt Mensch und Pferd gleichermaßen. Eltern sollten nach der Grundprofession und Zusatzqualifikation der Fachperson, der Eignung und Ausbildung des Pferdes, einer sicheren Anlage, klaren Rollen, Versicherungen, Notfallabläufen sowie einem dokumentierten Tierwohlkonzept fragen. Ein ruhiges Pferd allein ist noch kein Therapiepferd, und lange Reiterfahrung allein ist noch keine therapeutische Qualifikation.
Von Nathalie Andres, examinierte Ergotherapeutin und zertifizierte Pferdetrainerin

Warum Tierwohl auch Patient:innensicherheit ist
Ein Pferd, das Schmerzen, Stress oder Ermüdung erlebt, kann sich anders verhalten als erwartet. Tierwohl ist deshalb nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern unmittelbar mit Sicherheit und Behandlungsqualität verbunden.
Die IAHAIO fordert, körperliche und psychische Gesundheitszeichen, Stress, Unwohlsein, Schmerz und Ermüdung fachgerecht zu erkennen. Sie warnt außerdem vor beliebigen, vermenschlichenden Deutungen. Ein Pferd darf nicht deshalb weiterarbeiten, weil eine Einheit gebucht wurde oder ein Kind enttäuscht wäre.
Welche Ausbildung braucht die Fachperson?
Die benötigte Grundprofession richtet sich nach dem angebotenen Dienst. Wer Ergotherapie anbietet, benötigt eine ergotherapeutische Berufsausbildung und arbeitet innerhalb dieses Berufsbildes. Für die Integration des Pferdes sind zusätzliche Kenntnisse und überprüfte Kompetenzen erforderlich.
Nach den IAHAIO-Standards gehören dazu unter anderem:
- Verhalten und Ethologie des Pferdes,
- Tierwohlbeurteilung und Stresszeichen,
- Pflege, Gesundheit und Erste Hilfe am Pferd,
- Training und sicheres Handling,
- Auswahl und Eignungsprüfung,
- Risiko- und Notfallmanagement,
- fachgerechte Verbindung von Pferdeinteraktion und individuellen Therapiezielen.
Der DKThR bietet für Ergotherapeut:innen eine spezifische, 170 Lerneinheiten umfassende Weiterbildung an. Andere gleichwertige Qualifikationen müssen ebenso transparent benannt und nachvollziehbar sein.
Woran erkennt man ein geeignetes Pferd?
Rasse oder Farbe entscheiden nicht über die Eignung. Das Pferd muss gesund, für seine Aufgaben ausgebildet, in einem guten Trainingszustand und vom Temperament her zum konkreten Setting passend sein. Ein Angebot für ruhige Bodenarbeit stellt andere Anforderungen als eine Einheit mit Bewegung auf dem Pferd.
Wichtige Fragen sind:
- Wie wurde die Eignung beurteilt und dokumentiert?
- Welche Aufgaben kennt das Pferd sicher?
- Wie wird seine tägliche Gesamtbelastung erfasst – einschließlich Reitunterricht oder anderer Arbeit?
- Wer entscheidet, dass das Pferd heute nicht eingesetzt wird?
- Wie werden Schmerzen, Lahmheit, Stress oder Verhaltensänderungen abgeklärt?
- Gibt es regelmäßige tierärztliche, zahnmedizinische und Hufpflege?
Pausen, Haltung und ein Leben außerhalb der Therapie
Ein Therapiepferd braucht ausreichend Raufutter, Wasser, freie Bewegung, Sozialkontakt zu anderen Pferden, Schutz vor Witterung und erholsamen Schlaf. Es benötigt Pausen ohne Ausrüstung und ohne ständige menschliche Ansprache.
Die IAHAIO betont, dass Pferde nicht dauerhaft in kleinen Ställen oder Gehegen stehen sollen und außerhalb des Dienstes Rückzug vor Teilnehmenden benötigen. Auch der DKThR verlangt artgerechte Haltung, passende Belastungsgrenzen und Ausgleichsbewegung.
Ein schönes Foto vom Pferd im Stroh sagt wenig über den Alltag aus. Aussagekräftiger ist ein schriftliches Konzept, das Einsatz, Pausen, Gesundheitschecks und Abbruchkriterien beschreibt.
Wie sieht ein sicherer Ort aus?
Der Ort sollte für die geplante Tätigkeit geeignet, gepflegt und möglichst störungsarm sein. Dazu gehören sicherer Boden, intakte Zäune und Ausrüstung, klare Wege, erreichbare Erste-Hilfe-Ausstattung und bekannte Notrufkontakte. Bei einer Aktivität auf dem Pferd müssen Auf- und Abstieg sowie notwendige Hilfen sicher organisiert sein.
Kleidung und Schutzmaßnahmen richten sich nach der Tätigkeit. Für Putzen und Führen sind geschlossene feste Schuhe wichtig. Helmregeln werden für jede berittene Aktivität verbindlich festgelegt. Eine pauschale Bildsprache mit Kind ohne passende Ausrüstung darf nicht im Widerspruch zum realen Sicherheitskonzept stehen.
Wer macht was in der Einheit?
Eine zentrale Sicherheitsfrage lautet, ob eine Person gleichzeitig therapeutisch begleiten und das Pferd sicher führen kann. Je nach Aufgabe, Patient:in und Pferd ist eine qualifizierte Assistenz erforderlich. Rollen werden vorher festgelegt:
- Wer trägt die therapeutische Verantwortung?
- Wer beobachtet und führt das Pferd?
- Wer unterstützt bei einem Transfer oder Notfall?
- Wer darf eine Einheit abbrechen? Die richtige Antwort lautet: jede verantwortliche Fachperson – und das Verhalten des Pferdes muss als Abbruchsignal berücksichtigt werden.
Medizinische und psychische Eignung
Vor Beginn werden relevante Risiken abgefragt. Dazu können Pferdehaar- oder Stauballergien, allergisches Asthma, Epilepsie, Gleichgewichtsstörungen, akute Schmerzen oder Entzündungen, frische Operationen, Blutgerinnungsprobleme oder erhöhte Knochenbrüchigkeit gehören. Die konkrete Bewertung erfolgt medizinisch und individuell.
Bei diagnostizierten psychischen Erkrankungen ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig. Akute Psychosen oder Suizidalität gehören nicht in eine alleinige reguläre Einheit am Pferd, sondern benötigen sofort die dafür vorgesehene fachmedizinische beziehungsweise psychotherapeutische Versorgung.
Versicherung, Einwilligung und Kosten
Ein seriöses Angebot kann erklären, welche Berufs-, Betriebs- und Tierhalter- beziehungsweise Tierhüterhaftpflicht das Setting einschließt. Auch Unfallversicherung und Verantwortlichkeiten am Therapieort müssen geklärt sein.
Vor dem Tierkontakt wird eine informierte Einwilligung eingeholt. Dazu gehören Risiken, Allergien, Verhalten im Notfall und die Möglichkeit, die Teilnahme zu beenden. Foto- oder Videoaufnahmen benötigen eine separate Einwilligung und dürfen nicht an die Behandlung gekoppelt werden.
Die Kostenfrage wird schriftlich und vor Beginn geklärt. Ein Rezept für Ergotherapie bedeutet nicht automatisch, dass jeder Pferdeort und jeder pferdebezogene Mehraufwand von der Krankenkasse übernommen wird.
Zwölf Fragen an eine Anbieterin
- Welche Grundprofession und welche spezifische Zusatzqualifikation besitzen Sie?
- Wie werden Therapieziele erhoben, dokumentiert und in den Alltag übertragen?
- Muss mein Kind reiten, oder sind auch reine Bodenangebote möglich?
- Wie wurde das Pferd für seine Aufgabe ausgewählt und ausgebildet?
- Wie erkennen und dokumentieren Sie Stress, Schmerz und Ermüdung des Pferdes?
- Wie viele Einsätze und welche Pausen hat das Pferd pro Tag und Woche?
- Wer führt das Pferd und wer begleitet therapeutisch?
- Welche Kleidung und Schutzausrüstung sind erforderlich?
- Wie sieht der Notfall- und Ausfallplan aus?
- Welche medizinischen Risiken und Allergien werden vorab geprüft?
- Welche Versicherungen umfassen genau dieses Angebot?
- Wie werden Therapieort und Kosten mit Kasse beziehungsweise Selbstzahlenden geklärt?
Klare, ruhige und konkrete Antworten sind ein besseres Qualitätszeichen als große Wirkversprechen.
Häufige Fragen
Kann ein Therapiepferd immer eingesetzt werden?
Nein. Gesundheit, Stimmung, Belastung und äußere Bedingungen verändern sich. Ein verantwortliches Konzept enthält Alternativen und erlaubt, das Pferd kurzfristig nicht einzusetzen, ohne sein Wohl gegen Termin- oder Umsatzdruck abzuwägen.
Ist ein besonders „braves“ Pferd automatisch geeignet?
Nein. Ruhiges Verhalten kann viele Ursachen haben und ersetzt keine fachliche Eignungsprüfung. Das Pferd muss gesund, trainiert, passend zur Aufgabe und in seinem Verhalten fachgerecht einschätzbar sein.
Dürfen Kinder allein beim Pferd bleiben?
In einem therapeutischen Setting sollten Teilnehmende nicht unbeaufsichtigt mit dem Pferd bleiben. Umfang und Art der Begleitung richten sich nach Alter, Erfahrung, Aufgabe und Risiko.
Weiterführend


