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Pferdegestützte Ergotherapie5 Min. Lesezeit

Kann pferdegestützte Ergotherapie bei ADHS unterstützen?

Pferdegestützte Ergotherapie kann für einzelne Kinder mit ADHS ein motivierendes Umfeld bieten, um an konkreten Alltagszielen wie Handlungsplanung, Aufgabensteuerung oder Emotionsregulation zu arbeiten. Ob daraus ein zusätzlicher Behandlungseffekt entsteht, ist wissenschaftlich noch nicht sicher geklärt. Die pferdespezifischen Studien sind klein und methodisch uneinheitlich. Das Setting ersetzt weder eine verlässliche Diagnose noch einen individuell abgestimmten ADHS-Behandlungsplan.

Von Nathalie Andres, examinierte Ergotherapeutin und zertifizierte Pferdetrainerin

Kind putzt gemeinsam mit einer Ergotherapeutin ein Pferd auf dem Reitplatz
Illustrative Darstellung.

ADHS wird nicht durch ein Pferd diagnostiziert oder geheilt

ADHS zeigt sich nicht bei jedem Kind gleich. Manche Kinder sind vor allem unaufmerksam, andere besonders impulsiv oder motorisch unruhig. Entscheidend ist, wie stark die Schwierigkeiten Alltag, Lernen, Beziehungen und Wohlbefinden beeinträchtigen.

Eine sichere Diagnose wird anhand festgelegter Kriterien und verschiedener Lebensbereiche gestellt. Gesundheitsinformation.de nennt als mögliche Bestandteile der Behandlung unter anderem Beratung der Eltern, Unterstützung in der Schule, Verhaltenstherapie und Medikamente. Welche Kombination sinnvoll ist, hängt von Alter, Ausprägung und Begleiterkrankungen ab.

Ergotherapie kann hinzukommen, wenn konkrete Einschränkungen der Handlungsfähigkeit bestehen. Pferdegestützt beschreibt dann das Setting und das eingesetzte Medium – nicht eine eigenständige ADHS-Heilmethode.

Welche ergotherapeutischen Ziele können sinnvoll sein?

Ziele sollten alltagsnah und überprüfbar sein. Beispiele sind:

  • eine Aufgabe mithilfe einer Strategie beginnen und abschließen,
  • Materialien planen und in einer sinnvollen Reihenfolge nutzen,
  • Stoppsignale erkennen und vor einer Handlung kurz innehalten,
  • bei Frustration eine vereinbarte Regulationstechnik einsetzen,
  • Aufmerksamkeit zwischen Person, Aufgabe und Umgebung steuern,
  • angemessen um Hilfe bitten und Rückmeldungen nutzen,
  • eine im Pferdesetting erprobte Strategie in Schule oder Familie übertragen.

Ein Ziel wie „Das Kind konzentriert sich besser“ ist zu allgemein. Aussagekräftiger ist beispielsweise: „Das Kind nutzt bei einer dreiteiligen Morgenroutine eine visuelle Checkliste und benötigt nach sechs Wochen weniger verbale Erinnerungen.“

Was kann das Pferdesetting besonders machen?

Tätigkeiten rund um das Pferd haben eine reale Abfolge und sichtbare Konsequenzen. Putzmaterial muss ausgewählt, eine Aufgabe vorbereitet und eine Sicherheitsregel eingehalten werden. Gleichzeitig ist die Umgebung lebendig und nicht vollständig kontrollierbar. Das kann eine sinnvolle Gelegenheit sein, Strategien unter fachlicher Begleitung anzuwenden.

Das Pferd ist dabei kein neutraler Gegenstand. Es braucht klare, faire Handlungen, Pausen und Schutz vor Überforderung. Genau deshalb muss die Therapeutin sowohl ergotherapeutische als auch pferdespezifische Kompetenzen besitzen. Reiterfahrung allein genügt nicht.

Was sagt die Forschung?

Pferdespezifische systematische Reviews

Pérez-Gómez und Kolleg:innen schlossen 2021 neun Studien zu pferdegestützten Aktivitäten und Therapien bei Kindern mit ADHS ein. Sie bewerteten sieben Studien mit Evidenzniveau C und zwei mit B. Wegen geringer methodischer Qualität und hoher Heterogenität reichten die Daten nicht aus, um die Wirksamkeit zuverlässig festzustellen.

Ein weiterer systematischer Review von White, Zippel und Kumar aus dem Jahr 2020 kam ebenfalls zu dem Schluss, dass positive Hinweise existieren, robustere Forschung aber notwendig ist. Die untersuchten Angebote unterschieden sich stark – etwa in Dauer, Inhalt, Fachdisziplin und Zielmessung. Ergebnisse lassen sich deshalb nicht einfach auf jede Form pferdegestützter Ergotherapie übertragen.

Tiergestützte Interventionen allgemein

Eine Meta-Analyse von Yu und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 untersuchte tiergestützte Interventionen bei Kindern mit ADHS. Im Vergleich zu Kontrollgruppen zeigten sich statistische Vorteile für einzelne Bereiche, darunter Aufmerksamkeitsprobleme, Selbstwert, Lernen/Kognition und motorische Fertigkeiten. Für die Gesamtschwere der ADHS-Symptomatik war der gepoolte Effekt jedoch nicht signifikant besser als bei konventionellen Vergleichsbehandlungen.

Diese Analyse umfasste unterschiedliche Tierarten und Interventionen. Sie beweist daher nicht, dass ein bestimmtes Pferdeangebot dieselben Effekte erzielt.

Ergotherapiespezifische Pilotstudien

Das ASTride-Protokoll wurde 2024 zunächst mit fünf Kindern über zwölf Wochen erprobt. Die Autorinnen berichteten Veränderungen bei Verhaltensregulation, Hoffnung und Alltagsperformanz. Eine weitere vorläufige Studie mit 31 Kindern untersuchte nur die Werte vor und nach einer einzelnen 45-minütigen Einheit und berichtete kurzfristige Veränderungen bei Selbstwirksamkeit, Stimmung und einer motorischen Aufgabe.

Beide Arbeiten sind interessant, erlauben aber keine Aussage über langfristige Wirksamkeit im Praxisalltag. Kleine Stichproben, fehlende beziehungsweise begrenzte Kontrollbedingungen und kurzfristige Messungen machen weitere Studien erforderlich.

Was folgt daraus für Eltern?

Eine ehrliche Entscheidung stützt sich weder auf pauschale Begeisterung noch auf pauschale Ablehnung. Sinnvolle Fragen sind:

  1. Gibt es ein konkretes ergotherapeutisches Alltagsziel?
  2. Ist die Anbieterin examinierte Ergotherapeutin und zusätzlich für die pferdegestützte Arbeit qualifiziert?
  3. Wie wird der Transfer in Schule und Familie geplant?
  4. Wie werden Fortschritte gemessen und nach welchem Zeitraum neu bewertet?
  5. Wie sind Tierwohl, Sicherheit, Assistenz und Versicherung geregelt?
  6. Ist die Maßnahme in den übrigen ADHS-Behandlungsplan eingebettet?

Wenn diese Fragen nicht klar beantwortet werden, ist das Pferd eher ein attraktives Setting als eine nachvollziehbar begründete ergotherapeutische Intervention.

Wann ist besondere Vorsicht nötig?

Bei schweren Allergien, allergischem Asthma, nicht ausreichend eingestellten Anfallsleiden, akuten körperlichen Erkrankungen oder ausgeprägter Angst vor Pferden muss das Setting besonders kritisch geprüft werden. Bei zusätzlichen Angst-, depressiven oder anderen psychischen Erkrankungen ist die Zusammenarbeit mit den behandelnden Fachkräften wichtig.

Ein Kind darf nicht zum Kontakt mit dem Pferd gedrängt werden. Ebenso darf ein Pferd nicht weiter eingesetzt werden, wenn es Stress, Schmerz oder Ermüdung zeigt.

Häufige Fragen

Wirkt das Pferd beruhigend auf jedes Kind mit ADHS?

Nein. Manche Kinder erleben das Umfeld als motivierend, andere als reizintensiv oder beängstigend. Eine individuelle Reaktion lässt sich nicht aus der Diagnose vorhersagen. Deshalb wird die Eignung beobachtet und im Verlauf neu bewertet.

Kann pferdegestützte Ergotherapie Medikamente ersetzen?

Nein. Über Medikamente entscheiden die zuständigen Ärzt:innen im Rahmen eines umfassenden Behandlungsplans. Eine pferdegestützte ergotherapeutische Einheit ist kein gleichwertiger Ersatz und darf nicht eigenständig zum Absetzen oder Verändern einer Medikation führen.

Wie schnell sollte eine Veränderung sichtbar sein?

Es gibt keine wissenschaftlich gesicherte Standardzahl an Einheiten. Ziele und Beobachtungskriterien werden vorab festgelegt und nach einem vereinbarten Zeitraum überprüft. Bleibt ein alltagsrelevanter Nutzen aus, muss das Vorgehen verändert oder ein anderes Setting gewählt werden.