Was ist der Unterschied zwischen pferdegestützter Ergotherapie, Reittherapie und Hippotherapie?
Pferdegestützte Ergotherapie ist Ergotherapie mit individuellen Alltags- und Teilhabezielen. Hippotherapie ist pferdegestützte Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage. „Therapeutisches Reiten“ ist ein Oberbegriff, während „Reittherapie“ in Deutschland nicht gesetzlich geschützt und fachlich uneinheitlich ist. Reitunterricht wiederum verfolgt reitsportliche Lernziele. Die Begriffe dürfen deshalb nicht beliebig ausgetauscht werden.
Von Nathalie Andres, examinierte Ergotherapeutin und zertifizierte Pferdetrainerin

Warum die genaue Bezeichnung wichtig ist
Eltern und Patient:innen suchen häufig nach „Reittherapie Hamburg“, obwohl sie sehr unterschiedliche Leistungen meinen. Ein ungenauer Begriff erschwert es, Qualifikation, Ziel und Kosten richtig einzuschätzen. Er kann außerdem zu Missverständnissen mit Ärzt:innen oder Krankenkassen führen.
Die entscheidenden Fragen lauten:
- Welche Grundprofession besitzt die Anbieterin?
- Welche pferdespezifische Zusatzqualifikation hat sie abgeschlossen?
- Welches Ziel wird behandelt oder gefördert?
- Wer trägt die fachliche Verantwortung?
- Ist das Angebot eine medizinische Therapie, Pädagogik, Psychotherapie oder Reitunterricht?
Pferdegestützte Ergotherapie
Pferdegestützte Ergotherapie wird von einer Ergotherapeutin oder einem Ergotherapeuten durchgeführt, die beziehungsweise der zusätzlich für die Integration des Pferdes qualifiziert ist. Der DKThR nennt dafür die Zusatzqualifikation „Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd“ beziehungsweise eine entsprechende SI-orientierte Qualifikation.
Ziel ist größtmögliche Handlungsfähigkeit und Teilhabe im Alltag. Dazu können motorische, wahrnehmungsbezogene, kognitive, emotionale oder soziale Funktionen bearbeitet werden – aber immer mit Bezug zu konkreten Tätigkeiten. Phasen können am Pferd, mit dem Pferd, in der Stallarbeit und je nach Indikation auf dem Pferd stattfinden.
Ein Kind muss also nicht reiten. Eine geplante Putzfolge, das sichere Führen oder das Vorbereiten von Material kann ergotherapeutisch relevanter sein als das Sitzen auf dem Pferd.
Hippotherapie
Hippotherapie ist pferdegestützte Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage. Dabei wird die Bewegung des gehenden Pferdes gezielt für physiotherapeutische Ziele genutzt. Nach den DKThR-Richtlinien wird sie von entsprechend weitergebildeten Physiotherapeut:innen beziehungsweise Ärzt:innen durchgeführt.
Die Bezeichnung „Hippotherapie (DKThR)®“ ist zudem markenrechtlich geschützt. Eine Ergotherapeutin sollte ihre Arbeit nicht Hippotherapie nennen, wenn sie nicht in der dafür vorgesehenen physiotherapeutischen beziehungsweise ärztlichen Rolle und Qualifikation handelt.
Pferdegestützte Psychotherapie
Pferdegestützte Psychotherapie integriert das Pferd in eine psychotherapeutische Behandlung. Die fachliche Verantwortung liegt bei entsprechend qualifizierten Psychotherapeut:innen. Die Behandlung psychischer Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder PTBS wird nicht dadurch zu Psychotherapie, dass ein Pferd anwesend ist.
Eine Ergotherapeutin kann bei psychischen Erkrankungen ergotherapeutisch an Alltag, Betätigung und Teilhabe arbeiten. Sie darf ihre Leistung deshalb aber nicht als Psychotherapie ausgeben.
Pferdegestützte Pädagogik und heilpädagogische Förderung
In pädagogischen Angeboten stehen Lernen, Entwicklung, soziale Erfahrungen oder Förderung im Mittelpunkt. Auch hier sind eine anerkannte pädagogische Grundqualifikation und eine pferdebezogene Weiterbildung wichtige Qualitätsmerkmale. Das Angebot ist nicht automatisch eine medizinische Heilmittelbehandlung.
Was bedeutet „Reittherapie“?
Der Begriff „Reittherapie“ wird im Alltag häufig als Sammelbegriff genutzt. Nach Angaben des DKThR ist er rechtlich nicht definiert. Damit kann allein aus der Bezeichnung nicht erkannt werden, welche Grundprofession oder Weiterbildung eine Anbieterin besitzt.
Ein seriöses Angebot erklärt deshalb genauer: „pferdegestützte Ergotherapie“, „pferdegestützte Physiotherapie/Hippotherapie“, „pferdegestützte Psychotherapie“ oder „pferdegestützte Pädagogik“. Der klare Fachbegriff ist kein Wortgeklingel, sondern eine Information über Zuständigkeit und Ziel.
Reitunterricht und adaptiver Reitsport
Reitunterricht vermittelt den Umgang mit dem Pferd und reitsportliche Fähigkeiten. Adaptiver beziehungsweise inklusiver Pferdesport passt Unterricht und Ausrüstung an Menschen mit Behinderungen an. Auch diese Angebote können persönlich wertvoll sein, sind aber nicht automatisch Ergotherapie oder Psychotherapie.
Im Reitunterricht ist ein besserer Sitz, die Einwirkung auf das Pferd oder das Erlernen einer Lektion ein mögliches Ziel. In der Ergotherapie zählt dagegen, wie eine Tätigkeit die Handlungsfähigkeit in einem relevanten Alltag unterstützt.
Vergleich auf einen Blick
| Angebot | Grundprofession | Hauptziel | Reiten zwingend? |
|---|---|---|---|
| Pferdegestützte Ergotherapie | Ergotherapie plus spezifische Zusatzqualifikation | Handlungsfähigkeit und Teilhabe im Alltag | nein |
| Hippotherapie | Physiotherapie beziehungsweise Medizin plus Hippotherapie-Qualifikation | neurophysiologisch begründete physiotherapeutische Ziele | typischerweise Bewegung auf dem geführten Pferd |
| Pferdegestützte Psychotherapie | Psychotherapie plus pferdespezifische Qualifikation | psychotherapeutische Behandlung | nein |
| Pferdegestützte Pädagogik | pädagogische/heilpädagogische Profession plus Zusatzqualifikation | Förderung, Lernen und Entwicklung | nein |
| Reitunterricht/adaptiver Reitsport | qualifizierte Reitausbildung | reitsportliches Lernen und Teilhabe am Sport | je nach Angebot ja |
| „Reittherapie“ | aus dem Begriff nicht erkennbar | uneinheitlich | uneinheitlich |
Woran erkenne ich eine passende Qualifikation?
Fragen Sie nach der genauen Berufs- und Weiterbildungsbezeichnung, dem Ausbildungsinstitut, dem Abschlussjahr und den Inhalten. Seriöse Fachpersonen erklären außerdem, wie das Pferd ausgewählt und ausgebildet wurde, wie Sicherheit und Tierwohl organisiert sind und wie Ziele dokumentiert werden.
Eine Aussage wie „seit 20 Jahren Reiterin“ ist ein wertvoller Erfahrungshinweis, ersetzt aber weder die heilberufliche Qualifikation noch eine spezifische Weiterbildung für pferdegestützte Arbeit.
Häufige Fragen
Darf eine Ergotherapeutin pferdegestützt arbeiten?
Eine examinierte Ergotherapeutin besitzt die ergotherapeutische Grundprofession. Für ein qualitätsgesichertes pferdegestütztes Angebot fordern Fachverbände und internationale Standards zusätzlich spezifische Ausbildung, Pferdewissen, Tierwohlkompetenz und Risikomanagement. Der konkrete Therapieort und die Abrechnung müssen ebenfalls geklärt sein.
Ist Hippotherapie Ergotherapie?
Nein. Hippotherapie ist ein physiotherapeutischer Fachbereich. Auch wenn teilweise ähnliche Zielgruppen vorkommen, unterscheiden sich Grundprofession, Methode und fachliche Verantwortung.
Warum findet man trotzdem so viele unterschiedliche Bezeichnungen?
Der Markt ist historisch gewachsen, und manche Begriffe sind nicht geschützt. Suchsprache und Fachsprache stimmen daher nicht immer überein. Eine gute Website greift den bekannten Suchbegriff auf, erklärt aber transparent den präzisen Fachbegriff.
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