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Pferdegestützte Ergotherapie5 Min. Lesezeit

Wie läuft Ergotherapie mit Pferd ab?

Eine pferdegestützte Ergotherapie-Einheit beginnt nicht automatisch im Sattel. Zuerst werden ein konkretes Alltagsziel, die Eignung des Settings und die Sicherheit von Mensch und Pferd geklärt. Danach wählt die Ergotherapeutin eine passende Tätigkeit – zum Beispiel Material vorbereiten, das Pferd beobachten, putzen, führen oder versorgen. Entscheidend ist anschließend der Transfer: Welche Strategie aus der Aufgabe hilft auch zu Hause, in der Schule oder im Beruf?

Von Nathalie Andres, examinierte Ergotherapeutin und zertifizierte Pferdetrainerin

Kinderhand und erwachsene Hand führen eine Bürste über das Fell eines Pferdes
Illustrative Darstellung.

Vor dem ersten Termin: Passt das Setting überhaupt?

Der Wunsch, mit einem Pferd zu arbeiten, kann eine gute Motivation sein. Er ersetzt jedoch keine ergotherapeutische Indikation. Vor einer pferdegestützten Behandlung werden daher dieselben grundlegenden Fragen geklärt wie in anderen ergotherapeutischen Settings: Welche Alltagstätigkeit ist beeinträchtigt? Was möchte die Patientin oder der Patient verändern? Woran lässt sich ein Fortschritt erkennen?

Zusätzlich kommen pferdespezifische Fragen hinzu. Bestehen Allergien oder Asthma? Gibt es Sturz-, Anfalls- oder Gleichgewichtsrisiken? Wie reagiert die Person auf Tiere, offene Räume und unvorhersehbare Situationen? Ist das konkrete Pferd für die Aufgabe geeignet und an diesem Tag körperlich wie psychisch belastbar?

Bei einer Kassenbehandlung werden außerdem Verordnung, Therapieort und Abrechnungsbedingungen vorab geprüft. Die Möglichkeit, Ergotherapie außerhalb der Praxis durchzuführen, ist nicht gleichbedeutend mit einer automatischen Kostenübernahme aller pferdebezogenen Aufwände.

Die erste Einheit: kennenlernen, beobachten, vereinbaren

Eine gute erste Einheit muss keine spektakuläre Aufgabe enthalten. Häufig ist es sinnvoll, den Ort, Sicherheitsregeln, die Fachpersonen und das Pferd in Ruhe kennenzulernen. Die Therapeutin beobachtet dabei nicht, ob jemand „gut mit Pferden“ ist, sondern wie eine konkrete Handlung gelingt.

  • Kann die Person eine kurze Abfolge verstehen und umsetzen?
  • Wie plant sie Material und nächste Schritte?
  • Wie dosiert sie Kraft und Bewegung?
  • Fragt sie nach, wenn etwas unklar ist?
  • Wie reagiert sie auf Wartezeiten, Veränderungen oder einen Fehler?
  • Welche Unterstützung hilft, ohne zu viel abzunehmen?

Aus diesen Beobachtungen und den Zielen entsteht der weitere Behandlungsplan.

Muss man in der Ergotherapie mit Pferd reiten?

Nein. Die Arbeit am Boden kann eigenständige, komplexe und alltagsnahe Handlungen bieten. Beim Putzen müssen Materialien ausgewählt, eine Reihenfolge eingehalten und Bewegungen angepasst werden. Beim Führen sind Orientierung, Abstand, Aufmerksamkeit und klare Signale wichtig. Bei einer Versorgungsaufgabe können Planung, Verantwortung und Ausdauer eine Rolle spielen.

Eine Aktivität auf dem Pferd ist nur eine mögliche Form. Sie setzt eine entsprechende Qualifikation, ein geeignetes Pferd, sichere Rahmenbedingungen und eine individuelle fachliche Begründung voraus. Der DKThR beschreibt pferdegestützte Ergotherapie ausdrücklich als Arbeit mit Phasen am Pferd, auf dem Pferd und in der Stallarbeit – nicht als reines Reiten.

Beispiel: Eine Handlung in Schritte gliedern

Angenommen, ein Kind verliert bei mehrteiligen Aufgaben schnell den Überblick. Das ergotherapeutische Ziel lautet nicht einfach „mehr Konzentration“, sondern beispielsweise: Das Kind nutzt eine kurze Checkliste, um eine Aufgabe mit drei Schritten zunehmend selbstständig auszuführen.

Im Pferdesetting könnte die Aufgabe lauten:

  1. drei benötigte Putzutensilien anhand einer Bildliste auswählen,
  2. das Pferd in einer vereinbarten Reihenfolge putzen,
  3. Material kontrollieren und zurückräumen.

Die Therapeutin passt Hilfen so an, dass das Kind selbst handeln kann. Am Ende wird ausgewertet: Wann hat die Liste geholfen? Was hat abgelenkt? Welche Erinnerung war nützlich? Dieselbe Strategie kann anschließend für die Schultasche, das Anziehen oder eine Hausaufgabe angepasst werden. Erst dieser Transfer macht aus der Aktivität eine ergotherapeutische Behandlung.

Beispiel: Bewegung dosieren und Grenzen beachten

Das Pferd ist kein Trainingsgerät. Es reagiert auf die Art, wie Menschen sich bewegen und handeln, und hat eigene Bedürfnisse. Eine Aufgabe kann deshalb darin bestehen, Bewegungen langsamer und eindeutiger auszuführen, den eigenen Abstand zu prüfen oder eine Pause einzulegen.

Dabei ist eine sachliche Sprache wichtig. Das Pferd „liest“ nicht automatisch Gedanken und „heilt“ nicht durch Energie. Es zeigt beobachtbares Verhalten. Eine qualifizierte Fachperson hilft, dieses Verhalten weder zu vermenschlichen noch beliebig zu deuten.

Wie lange dauert eine Einheit?

Die genaue Dauer richtet sich nach verordnetem Heilmittel, individuellem Behandlungsplan und organisatorischem Setting. Der DKThR nennt für seine pferdegestützten Ergotherapie-Richtlinien Einheiten von 45 bis 60 Minuten. Daraus darf jedoch keine pauschale Praxisangabe abgeleitet werden. Verbindlich ist, was für die konkrete Verordnung und das tatsächliche Angebot geklärt wurde.

Vorbereitung, Weg zum Pferd, Sicherheitsabsprachen und Nachbereitung benötigen Zeit. Eine gute Einheit wird deshalb nicht daran gemessen, wie lange jemand unmittelbar am oder auf dem Pferd war.

Was passiert nach der Aufgabe?

Die Auswertung verbindet Pferdesetting und Alltag. Je nach Alter kann sie mündlich, mit Bildern, einer Skala oder einem kurzen Protokoll erfolgen. Hilfreiche Fragen sind:

  • Was wollte ich erreichen?
  • Welche Strategie hat funktioniert?
  • Wo brauchte ich Unterstützung?
  • Was würde ich beim nächsten Mal verändern?
  • In welcher Alltagssituation kann ich dieselbe Strategie ausprobieren?

Ziele werden in vereinbarten Abständen überprüft. Wenn das Pferd keinen erkennbaren Beitrag mehr leistet oder ein anderes Setting geeigneter ist, wird die Behandlung angepasst.

Sicherheit: Wann wird eine Einheit abgebrochen?

Eine Aktivität wird unterbrochen oder beendet, wenn die Person medizinisch oder emotional überfordert ist, Sicherheitsabsprachen nicht eingehalten werden können oder das Pferd Anzeichen von Stress, Unwohlsein, Schmerz oder Ermüdung zeigt. Tierwohl und Patient:innensicherheit sind keine konkurrierenden Ziele: Ein überfordertes Pferd ist auch ein Sicherheitsrisiko.

Kurz beantwortet

Was zieht man zur Ergotherapie mit Pferd an?

Für Bodenarbeit sind geschlossene, feste Schuhe und wetterangepasste Kleidung sinnvoll. Weitere Schutzregeln richten sich nach Ort und Tätigkeit. Falls Arbeit auf dem Pferd angeboten wird, gelten die dafür festgelegten Sicherheits- und Helmregeln der qualifizierten Anbieterin.

Dürfen Eltern dabei sein?

Das hängt von Alter, Ziel, Sicherheit und Setting ab. Eltern können beim Kennenlernen oder bei der Übertragung in den Alltag wichtig sein. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, dass ein Kind einzelne Aufgaben zunehmend selbstständig ausführt. Die Rollen werden vorher geklärt.

Was passiert bei schlechtem Wetter?

Das hängt vom tatsächlichen Therapieort ab. Da das Angebot von Ergotherapie Andres noch vorbereitet wird, stehen Halle, geschützter Bereich, Ersatzaufgabe oder Terminregel derzeit nicht fest. Diese Angaben werden veröffentlicht, bevor eine Behandlung buchbar wird.