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Pferdegestützte Ergotherapie4 Min. Lesezeit

Pferdegestützte Ergotherapie bei Ängsten: Was ist möglich – und was nicht?

Pferdegestützte Ergotherapie kann bei einer Person mit Ängsten nur dann sinnvoll sein, wenn konkrete Einschränkungen im Alltag ergotherapeutisch behandelt werden und das Pferdesetting fachlich geeignet ist. Sie ist keine eigenständige Psychotherapie und heilt keine Angststörung. Bei einer diagnostizierten Angststörung muss die Versorgung mit den zuständigen ärztlichen oder psychotherapeutischen Fachkräften abgestimmt werden.

Von Nathalie Andres, examinierte Ergotherapeutin und zertifizierte Pferdetrainerin

Kind führt ein Pferd am Führstrick, während eine erwachsene Person die Situation aufmerksam begleitet
Illustrative Darstellung.

Angst vor einer Alltagssituation ist nicht automatisch eine Angststörung

Menschen können sich vor einem neuen Ort, einem großen Tier oder einer ungewohnten Aufgabe fürchten, ohne psychisch erkrankt zu sein. Eine Angststörung liegt erst vor, wenn festgelegte diagnostische Kriterien erfüllt sind und die Angst das Leben relevant beeinträchtigt. Die Diagnose gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Hände.

Für die Ergotherapie ist anschließend entscheidend, welche Alltagstätigkeiten eingeschränkt sind. Vermeidet ein Kind die Schule? Kann eine erwachsene Person bestimmte Wege oder Aufgaben nicht mehr bewältigen? Fehlen Strategien, um eine beginnende Überforderung zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben? Aus solchen konkreten Situationen können ergotherapeutische Ziele entstehen.

Welche Rolle kann das Pferd spielen?

Das Pferd kann Teil einer geplanten Tätigkeit sein. Eine Person kann beispielsweise lernen, eine Aufgabe in kleinen Schritten vorzubereiten, körperliche Anspannung wahrzunehmen, eine Pause anzukündigen oder mit der Therapeutin eine klare Grenze zu vereinbaren. Das Pferd bietet dafür ein reales Umfeld – aber keine automatische emotionale Regulation.

Seriöse Kommunikation vermeidet Aussagen wie „Das Pferd spiegelt die Seele“ oder „seine Energie löst Angst“. Pferde reagieren auf beobachtbare Reize, Bewegungen, Abstand, Berührung und gelerntes Verhalten. Eine qualifizierte Fachperson deutet diese Reaktionen vorsichtig und berücksichtigt immer das Wohl des Tieres.

Niemand muss ein Pferd berühren oder reiten

Ein sicherer Prozess beginnt mit Wahlmöglichkeiten. Eine erste Annäherung kann aus größerer Entfernung erfolgen. Die Person kann beobachten, Fragen stellen, einen Abstand markieren oder entscheiden, die Einheit zu beenden. Reiten ist weder Voraussetzung noch zwingendes Ziel.

Ein „Durchhalten um jeden Preis“ wäre weder klientenzentriert noch sicher. Wenn die Angst vor Pferden selbst besonders ausgeprägt ist, kann ein anderes ergotherapeutisches Setting besser geeignet sein. Eine gezielte Expositionsbehandlung einer Angststörung gehört in einen psychotherapeutisch verantworteten Behandlungsplan und darf nicht beiläufig durch Tierkontakt ersetzt werden.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Forschung zu pferdegestützten Angeboten bei Angst, Trauma und psychischen Erkrankungen ist uneinheitlich. Ein systematischer Review von Anestis und Kolleg:innen aus dem Jahr 2014 untersuchte 14 Studien und fand erhebliche Risiken für Verzerrungen. Die Arbeiten lieferten keine konsistente Evidenz dafür, dass pferdebezogene Behandlungen dem bloßen Zeitverlauf überlegen waren.

Ein systematischer Review zu tiergestützten Interventionen nach Trauma von O'Haire und Kolleg:innen aus dem Jahr 2015 berichtete häufig Rückgänge bei Depression, PTBS-Symptomen und Angst. Die zehn eingeschlossenen Studien waren jedoch sehr unterschiedlich und überwiegend methodisch schwach. Die Autor:innen bewerteten das Forschungsfeld als vorläufig.

Eine kleine Studie von Earles, Vernon und Yetz aus dem Jahr 2015 untersuchte 16 freiwillige Erwachsene mit Traumaerfahrung über sechs wöchentliche Einheiten. Direkt danach wurden niedrigere Werte bei PTBS, Angst und Depression berichtet. Es gab aber keine randomisierte Kontrollgruppe; die Autor:innen forderten größere Studien, Randomisierung und längere Nachbeobachtung.

Aus diesen Daten lässt sich kein allgemeines Wirkversprechen ableiten. Sie begründen höchstens, warum gut geplante ergänzende Angebote weiter erforscht werden.

Was ist bei einer diagnostizierten Angststörung wichtig?

Die kognitive Verhaltenstherapie ist für generalisierte Angststörungen besonders gut untersucht. Pferdegestützte Ergotherapie darf eine solche Behandlung nicht verzögern oder ersetzen. Vor Beginn sollten Rollen und Ziele klar sein:

  • Welche Behandlung übernimmt die Psychotherapeutin beziehungsweise der Psychotherapeut?
  • Welches konkrete Alltagsziel bearbeitet die Ergotherapie?
  • Welche Warnzeichen oder Krisenpläne sind bekannt?
  • Welche Informationen dürfen die Fachpersonen mit Einwilligung austauschen?
  • Wann wird die Einheit abgebrochen und wann ist eine medizinische oder psychotherapeutische Rücksprache nötig?

Bei akuter Suizidalität, akuter Psychose oder anderen schweren Krisen ist ein reguläres Pferdesetting nicht der richtige Ort für eine alleinige Intervention.

Ein ergotherapeutisches Beispiel

Eine Jugendliche vermeidet aufgrund starker Anspannung zunehmend alltagsrelevante Gruppenaktivitäten. Das ergotherapeutische Ziel könnte sein, frühe Körpersignale wahrzunehmen, eine vereinbarte Pause anzukündigen und nach der Pause zu einer Aufgabe zurückzukehren.

Im Pferdesetting könnte sie zunächst in sicherem Abstand eine kurze Versorgungsaufgabe planen. Sie wählt selbst den Annäherungsschritt, nutzt eine Skala für Anspannung und beendet die Aufgabe mit einer vereinbarten Strategie. Entscheidend ist nicht, ob sie das Pferd am Ende berührt. Entscheidend ist, ob eine Strategie nachvollziehbar erprobt und in eine passende Alltagssituation übertragen werden kann.

Dieses Beispiel ist keine Standardbehandlung und keine echte Patient:innengeschichte. Es zeigt nur, wie ein ergotherapeutisches Ziel von einer pauschalen Aussage „Pferde helfen gegen Angst“ unterschieden wird.

Fragen für Eltern und Patient:innen

Kann das Pferd Angst verschlimmern?

Ja, ein großes, bewegliches Tier und eine ungewohnte Umgebung können Angst oder Reizüberlastung verstärken. Deshalb sind freiwillige Annäherung, klare Abbruchmöglichkeiten und eine individuelle Eignungsprüfung notwendig.

Ist pferdegestützte Ergotherapie eine Traumatherapie?

Nein. Ergotherapie mit Pferd ist nicht automatisch Traumatherapie. Eine PTBS oder andere Traumafolgestörung sollte von entsprechend qualifizierten psychotherapeutischen beziehungsweise ärztlichen Fachpersonen diagnostiziert und behandelt werden.

Was, wenn mein Kind nicht zum Pferd möchte?

Dann wird es nicht gedrängt. Die Therapeutin klärt, ob Distanz, eine andere Aufgabe oder ein anderes Setting sinnvoll ist. Zustimmung und Sicherheit gelten für das Kind ebenso wie für das Pferd.