ADHS bei Kindern: Was Ergotherapie leisten kann – und was nicht
ADHS ist eine neurobiologisch begründete Störung der Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivitätsregulation. Ergotherapie behandelt nicht die Diagnose selbst, sondern ihre Auswirkungen auf den Alltag: Struktur, Handlungsplanung, Selbstregulation und Selbstwirksamkeit. Dieser Beitrag zeigt, wie das konkret aussieht – und was Ergotherapie nicht ersetzen kann.

Hausaufgaben dauern zwei Stunden, der Ranzen ist morgens nie gepackt, und abends ist die ganze Familie erschöpft. Bei ADHS geht es selten um fehlenden Willen – sondern um Funktionen, die sich gezielt trainieren lassen.
Ergotherapeutische Praxis
Was Ergotherapie bei ADHS tatsächlich bearbeitet
Im Zentrum steht die Handlungsfähigkeit im Alltag. Statt abstrakter Konzentrationsübungen arbeiten wir an den Situationen, die tatsächlich schwierig sind: der Morgenablauf, die Hausaufgabensituation, das Packen der Schultasche, der Umgang mit Frust beim Spiel. Aus diesen Situationen leiten wir konkrete, überprüfbare Ziele ab.
- Selbstregulation: Anspannung wahrnehmen und beeinflussen, bevor sie eskaliert.
- Handlungsplanung: eine Aufgabe in Schritte zerlegen, beginnen, dranbleiben, abschließen.
- Aufmerksamkeitssteuerung: Reize filtern, Arbeitsplatz gestalten, Pausen sinnvoll setzen.
- Motorische Basis: Grafomotorik und Ausdauer beim Schreiben, wo diese zusätzlich belastet sind.
- Selbstwirksamkeit: Erfolge sichtbar machen, damit das Kind sich wieder etwas zutraut.
Elternberatung ist Teil der Behandlung
Der größte Teil des Tages findet nicht in der Praxis statt. Deshalb ist die Beratung der Eltern kein Zusatz, sondern ein Kernbestandteil. Wir besprechen, wie Abläufe visualisiert werden können, wie Aufforderungen formuliert sein sollten, damit sie ankommen, und wie sich Konflikte um Hausaufgaben entschärfen lassen. Die aktuelle S3-Leitlinie zu ADHS empfiehlt psychosoziale Interventionen einschließlich Elterntrainings ausdrücklich als Bestandteil eines multimodalen Vorgehens.
Nicht das Kind muss sich vollständig an den Alltag anpassen – auch der Alltag darf so gestaltet werden, dass er zum Kind passt.
Zusammenarbeit mit Schule und Ärzt:innen
ADHS betrifft mehrere Lebensbereiche, deshalb arbeitet Ergotherapie selten allein. Mit Ihrem Einverständnis tauschen wir uns mit der behandelnden Kinderärztin oder dem Kinder- und Jugendpsychiater aus und geben – wenn gewünscht – konkrete Hinweise für den Schulalltag weiter: Sitzplatz, Aufgabenportionierung, Bewegungspausen, klare Wochenstruktur.
Wo die Grenzen liegen
Ergotherapie ist keine Behandlung der ADHS-Kernsymptomatik im engeren Sinne und ersetzt weder eine ärztliche Diagnostik noch – wenn medizinisch indiziert – eine medikamentöse Therapie oder Psychotherapie. Sie ist ein Baustein im multimodalen Konzept. Seriöse Aussagen über Wirksamkeit beziehen sich auf Alltagsfunktionen und Teilhabe, nicht auf eine Heilung.
Verordnung
Bei ADHS wird häufig die psychisch-funktionelle Behandlung (Diagnosegruppe PS1 oder PS2) verordnet, teils in Kombination mit Hirnleistungstraining. Ausstellen kann sie die Kinderärztin oder der Kinder- und Jugendpsychiater.
Weiterführend
Wichtig
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob Ergotherapie im Einzelfall sinnvoll ist und welches Heilmittel verordnet wird, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.


