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Kinder2 Min. Lesezeit

Wahrnehmungsstörungen bei Kindern erkennen und verstehen

Unser Nervensystem verarbeitet ständig Reize: Berührung, Bewegung, Körperspannung, Geräusche, Licht. Bei manchen Kindern gelingt dieses Sortieren und Gewichten weniger gut. Die Folgen zeigen sich nicht als „schlechtes Benehmen“, sondern als Überforderung, Vermeidung oder ausgeprägte Reizsuche.

Von Nathalie Andres, examinierte Ergotherapeutin

Kind erkundet unterschiedliche Materialien mit den Händen

Ein Kind, das jedes Etikett aus dem T-Shirt schneiden lässt, im Supermarkt überdreht und beim Schaukeln nie genug bekommt – solche Muster haben oft mit der Verarbeitung von Sinnesreizen zu tun.

Ergotherapeutische Praxis

Die weniger bekannten Sinnessysteme

Neben Sehen und Hören sind für den Alltag drei Systeme zentral, die selten benannt werden: der Tastsinn (taktil), der Gleichgewichtssinn (vestibulär) und die Tiefenwahrnehmung (propriozeptiv), also die Rückmeldung aus Muskeln und Gelenken. Sie steuern Körperspannung, Koordination und die Fähigkeit, ruhig sitzen zu bleiben.

SystemMögliche Auffälligkeiten
TaktilAbneigung gegen bestimmte Kleidung, Cremes, Sand; oder starkes Bedürfnis nach Berührung
VestibulärStändiges Schaukeln und Drehen; oder Angst vor Klettern, Rutschen, Schaukeln
PropriozeptivZu festes Zugreifen, Anrempeln, Kauen an Gegenständen, unsichere Krafteinschätzung
AuditivÜberforderung in Mensa, Turnhalle oder Supermarkt; Hände auf die Ohren

Reizsuche und Reizvermeidung

Zwei Kinder mit sehr unterschiedlichem Verhalten können dasselbe Grundproblem haben. Das eine sucht Reize, weil sein Nervensystem viel Input braucht, um wach und reguliert zu sein – es rennt, springt, redet ununterbrochen. Das andere vermeidet Reize, weil ohnehin schon zu viel ankommt – es zieht sich zurück, klagt über Lärm, meidet Gruppen. Beides ist Regulation, nicht Absicht.

Wann eine Abklärung sinnvoll ist

  • Alltagssituationen wie Anziehen, Essen oder Zähneputzen führen regelmäßig zu Konflikten.
  • Das Kind meidet Spielplätze, Sportangebote oder Kindergeburtstage.
  • Nach Kita oder Schule folgt regelmäßig ein Zusammenbruch, weil der Tag zu viel war.
  • Die Bewegungssicherheit wirkt deutlich unreifer als bei Gleichaltrigen.
  • Die Konzentration bricht nach kurzer Zeit zusammen, obwohl Interesse vorhanden ist.

Wie Ergotherapie arbeitet

Zunächst erheben wir gemeinsam mit den Eltern ein genaues Bild: Welche Situationen sind schwierig, welche gelingen? Daraus entsteht ein individuelles Profil. In der Behandlung bieten wir dosierte Sinnesreize an – Schaukeln, Klettern, Materialerfahrungen, Druck und Zug – und verbinden sie mit sinnvollen Aufgaben. Parallel entwickeln wir mit der Familie Alltagsstrategien: Rückzugsorte, Vorbereitung auf laute Situationen, Bewegungspausen vor konzentrierten Phasen.

Ziel ist nicht, das Kind unempfindlich zu machen, sondern ihm Wege zu geben, sich selbst zu regulieren.

Einordnung

Sensorische Verarbeitungsprobleme sind keine eigenständige Diagnose im ICD-10. Sie treten häufig gemeinsam mit Entwicklungs-, Aufmerksamkeits- oder Autismus-Spektrum-Diagnosen auf. Verordnet wird in der Regel die sensomotorisch-perzeptive Behandlung (EN1).

Wichtig

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob Ergotherapie im Einzelfall sinnvoll ist und welches Heilmittel verordnet wird, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.